Patricia Hecht
Auf Kissen in einer Ecke des Klassenzimmers haben es sich drei Jungen
und ein Mädchen gemütlich gemacht. Jeder hat ein Buch dabei und liest
den anderen daraus vor. Der sechsjährige Eric hat eine Geschichte mit
vielen Bildern ausgewählt, er nutzt seinen Zeigefinger als Lesehilfe
und braucht Zeit, um die Sätze zu bilden, die vor ihm stehen. Luna,
acht Jahre alt, hat den Roman „Luzie – der Schrecken der Straße“
mitgebracht und liest flüssig aus Luzies Abenteuern.
Die Kinder gehören zur jahrgangsübergreifenden Lerngruppe „Die Füchse“
der Pankower Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule. Im Jahr 2008 ist
die Schule als Pilotprojekt mit 104 Schülern in den Klassen eins und
zwei an den Start gegangen. Im zweiten Jahr hat sich die Schülerzahl
verdoppelt, und viele weitere Bewerber mussten abgewiesen werden, sagt
Rektorin Gabriele Anders-Neufang. Andernfalls bliebe kein Platz für die
kommenden Jahrgänge.
„Mein Wunsch war schon immer, die Kinder nicht nach der sechsten Klasse
abgeben und aufteilen zu müssen“, sagt die Schulleiterin, die zuvor als
Grundschullehrerin gearbeitet hat. Als das Angebot des Bezirks kam,
eine neue Gemeinschaftsschule aufzubauen, nahm sie sofort an. Die
Zwischenbilanz, sagt sie nun, fällt hervorragend aus: „Wir lernen
anders als andere, und es funktioniert.“
Anders als andere, das bedeutet: Die Schüler werden nicht nur in der
Schulanfangsphase, sondern von der ersten bis zur zehnten Klasse in den
nahe beieinanderliegenden Jahrgängen gemischt unterrichtet.
Frontalunterricht gibt es nicht: Die Schüler erarbeiten sich den Stoff
selbst. In einigen Fächern lernen sie projektorientiert, in anderen
Fächern wird der Stoff des Rahmenlehrplans in „Fahrstühlen“ behandelt:
Dabei können die Schüler ankreuzen, ob sie „Rechnen bis 10“ oder schon
„Addieren und Subtrahieren bis 1000“ beherrschen.
Benotet werden sie dabei nicht. Aber es gibt Kontrollarbeiten, zu denen
sich die Schüler anmelden, sobald sie glauben, so weit zu sein. Und es
gibt verbale Bewertungen, die zum Ende eines Halbjahrs mit den Eltern
besprochen werden. Dann stellen die Schüler auch ihre Fortschritte vor
und setzen sich neue Ziele. „Ich erkläre gut“, steht beispielsweise auf
den Blättern oder „ich arbeite leise“.
Ein wenig nach heiler Welt sieht es in der Ganztagsschule schon aus:
Für die Frühstückspause etwa hat jedes Kind ein Pausenbrot dabei. Zwar
seien die Eltern keineswegs alle wohlhabend, sagt Anders-Neufang –
„bildungsinteressiert“ jedoch schon. Grundsätzlich sei die
Schülermischung aber dem Zufall überlassen. Rund zehn Schüler haben
momentan sonderpädagogischen Förderbedarf. „Der Unterricht ist darauf
ausgerichtet, dass jeder Einzelne persönliche Lernfortschritte macht“,
sagt Anders-Neufang – soweit es ihm möglich ist.
Es gebe bereits Anfragen von Eltern, die ihre Kinder nach der vierten
Klasse gern aus der Grundschule nähmen und zur Humboldt-Schule brächten
statt in ein grundständiges Gymnasium, berichtet Anders-Neufang. Der
Bezirk habe aber Bedenken, eine zusätzliche Klasse einzurichten. Die
Anfragen der Eltern sieht die Leiterin allerdings als Bestätigung ihrer
Arbeit und als „Abstimmung mit den Füßen.“ Trotz Gymnasialempfehlung
würden die Kinder so auf einem alternativen Weg zum Abitur gelangen.
Zu den Zielen der Schule gehört es, bis zur gymnasialen Oberstufe
hochzuwachsen. Auf die Dauer, sagt Anders-Neufang, „wollen wir für
Berlin beweisen, dass langes gemeinsames Lernen ohne Noten, aber mit
viel Motivation und Vertrauen möglich ist.“
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.02.2010)