Eine Gemeinschaftsschule für alle!

Sprungmarken: Seiteninhalt, Schnellsuche, Navigation.
Sie sind hier: Presse / Presseschau /

14.01.2010

"Die Schulen müssen radikal umdenken"

Interview mit Andreas Schleicher

Regina Köhler
Quelle: Morgenpost vom 14.1.2010

Das Parlament entscheidet heute über die Schulreform, die der rot-rote Senat vom kommenden Schuljahr an umsetzen will. Ziel ist es, die Hauptschule abzuschaffen und die Chancengleichheit der Kinder zu erhöhen. Viele Schulexperten begrüßen die Reform. Andere warnen vor weiteren Experimenten. Nicht wenige Eltern sind verunsichert.

Morgenpost-Redakteurin Regina Köhler sprach darüber mit Andreas Schleicher. Der Bildungsforscher entwickelte die Pisa-Studien. Gegenwärtig ist er bei der OECD für Bildungsprojekte zuständig.

Berliner Morgenpost: Herr Schleicher, Haupt-, Real- und Gesamtschüler sollen künftig gemeinsam lernen. Befürchten Eltern zu Recht, dass die Hauptschüler das Niveau der Sekundarschulklassen negativ beeinflussen könnten?

Anzeige sas_pageid='10028/(berlin)'; // Seite : berlinermorgenpost.de/berlin sas_formatid=4158; // Format : fullbanner 468x60 sas_target=''; // Targeting SmartAdServer(sas_pageid,sas_formatid,sas_target); #advertisementPrio2{ display:none; } <a href="http://ww251.smartadserver.com/call/pubjumpi/10028/(berlin)/4158/S/[timestamp]/?"><img src="http://ww251.smartadserver.com/call/pubi/10028/(berlin)/4158/S/[timestamp]/?" border="0"></img></a>

Andreas Schleicher: Das scheint zunächst plausibel. Man sollte aber bedenken, dass integrative Bildungssysteme wie in Finnland in Europa, Kanada in Nordamerika oder Japan in Asien nicht nur bessere Gesamtleistungen erbringen, sondern auch einen deutlich größeren Anteil an Spitzenleistungen als Deutschland vorweisen. Den Schulen dort gelingt es eben nicht nur, besser Leistungsdefizite auszugleichen, sondern auch Talente zu finden und zu fördern.

Berliner Morgenpost: Wie machen diese Schulen das?

Andreas Schleicher: Sie sehen in den verschiedenen Interessen, Fähigkeiten und sozialen Kontexten der Schüler nicht in erster Linie ein Problem, sondern legen den Schwerpunkt ihrer Anstrengungen darauf, wie sie das Potenzial, das in der Verschiedenheit der Schüler liegt, wirksam nutzen können. Dazu konzentrieren sie die Schwierigkeiten nicht, wie bisher in Deutschland, in einer Hauptschule, wo sie dann kaum noch zu lösen sind, sondern unterstützen Lehrer und Schulen dabei, auf diese Verschiedenheit konstruktiv einzugehen und Lernprozesse entsprechend zu individualisieren.

Berliner Morgenpost: Unter welchen Voraussetzungen ist individuelle Förderung möglich?

Andreas Schleicher: Die Beispiele erfolgreicher Bildungssysteme zeigen, dass dazu folgende Elemente wichtig sind: Erstens, die fortwährende Diagnose und Bewertung des individuellen Lernbedarfs eines Schülers. Zweitens muss jeder Schüler motiviert und befähigt werden, den eigenen Horizont beständig auszubauen. Damit das klappt, dürfen die Schüler nicht ständig vor Misserfolge gestellt werden. Stattdessen sind Lehr- und Lernformen wichtig, die wirklich auf den einzelnen Schüler zugeschnitten sind. Drittens ist es erforderlich, Lehrpläne so zu gestalten, dass jeder Schüler einbezogen wird. Es gilt zu erkennen, dass gewöhnliche Schüler außergewöhnliche Fähigkeiten haben.

Berliner Morgenpost: Muss die Schule anders organisiert werden?

Andreas Schleicher: Individuelle Förderung erfordert ein radikales Umdenken in der Organisation von Schule. Schule muss den Lernfortschritt jedes einzelnen Schülers in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Sie muss Verantwortung für die Lernergebnisse der Schüler übernehmen, anstatt diese Ergebnisse auf andere Schulformen oder Institutionen abzuwälzen.

Berliner Morgenpost: Damit die Schulreform gelingt, müssen die Lehrer fortgebildet werden. Reicht eine einmalige Fortbildung überhaupt aus?

Andreas Schleicher: Entscheidend ist, wie man Weiterbildung zu einem integralen Bestandteil der täglichen Arbeit der Lehrer manchen kann. Das hat auch ganz wesentlich mit den Anreiz- und Unterstützungssystemen zu tun, die Lehrer in ihrer täglichen Arbeit vorfinden. Lehrer brauchen ein Arbeitsumfeld, das Perspektiven für Entwicklung und Kreativität bietet. Planung, Qualitätsmanagement, Selbstevaluation und Weiterbildung gehören dazu. Aber auch ein Dialog mit verschiedenen Interessengruppen, vor allem mit Eltern, ist nötig.

Berliner Morgenpost: Können Sie noch genauer sagen, wie das Arbeitsumfeld der Lehrer beschaffen sein sollte?

Andreas Schleicher: Attraktivität und Ansehen der Lehrer dürfen nicht allein auf dem Beamtenstatus beruhen, sondern auf Kreativität, Innovation und Verantwortung. Lehrer brauchen exakt beschriebene Aufgabenbereiche, bessere Karriereaussichten sowie stärkere Verbindungen zu anderen Berufsfeldern. Es gibt doch kaum ein Unternehmen, das einen so hohen Anteil hoch qualifizierter Menschen beschäftigt wie das Bildungssystem, aber wohl auch nur wenige Unternehmen, die ihr Potenzial nur so eingeschränkt nutzen wie die meisten Schulen.

Berliner Morgenpost: Wie meinen Sie das?

Andreas Schleicher: Stellen Sie sich einmal einen Chirurgen und einen Lehrer aus den 1960er-Jahren vor, die eine Zeitreise in das Jahr 2006 machen. Der Chirurg, der zu seiner Zeit mit dem im Studium erarbeiteten Wissen und einem Instrumentenkoffer als Einzelperson erfolgreich sein konnte, ist heute in eine dynamische Profession eingebettet, mit der er im ständigen Austausch steht. Er arbeitet an einem hoch technologisierten Arbeitsplatz, wo er seine Arbeit nur als Teil eines komplexen Teams bewältigen kann. Der Chirurg wird schnell zu der Erkenntnis kommen, dass ein Zeitsprung über ein halbes Jahrhundert unmöglich ist. Der Lehrer der 1960er-Jahre findet sich vermutlich noch zurecht, weil sich das Arbeitsumfeld Schule und die dahinter stehenden Anreiz- und Unterstützungssysteme vergleichsweise wenig verändert haben.

Berliner Morgenpost: Müssen die Sekundarschulen nicht noch viel besser ausgestattet werden, als das jetzt geplant ist?

Andreas Schleicher: Sicher, aber dass muss nicht unbedingt mehr Geld bedeuten, denn Fehlleistungen sind teuer. Ein einziger Sitzenbleiber kostet die Gesellschaft heute mehr als 15 000 Euro, mit dem Geld können Sie viel bewegen.

Berliner Morgenpost: Hauptschüler werden gegenwärtig in sehr kleinen Gruppen unterrichtet. An den Sekundarschulen soll es aber mindestens 24 Schüler pro Klasse geben. Verschlechtern sich die Bedingungen für diese Schüler da nicht?

Andreas Schleicher: Noch einmal, Ziel muss die individuelle Förderung aller Schüler sein, dazu müssen Konzepte wie Klassengrößen und Unterrichtszeiten viel flexibler eingesetzt werden. Finnland wendet fast 30 Prozent der Lernzeit für Förderung außerhalb des Klassenverbandes auf.

Berliner Morgenpost: Ein Aktionsbündnis von Philologenverband und Realschullehrerverband fordert jetzt, gute Realschulen zu erhalten, damit Schüler dort die Fachhochschulreife machen können. Was halten Sie davon?

Andreas Schleicher: Insgesamt braucht Deutschland viel mehr Abiturienten, als die Gymnasien heute liefern. Spitzenqualifikationen, ob in der Universität oder der Berufsausbildung, müssen die Zielperspektive für alle Schüler werden. Der internationale Vergleich macht deutlich, dass das keine Illusion bleiben muss.

Berliner Morgenpost: Halten Sie die geplanten Zugangskriterien für besonders gefragte Schulen - diese sollen sich 60 Prozent der Schüler selbst aussuchen können, 30 Prozent sollen über Los einen Platz erhalten und 10 Prozent sollen für Härtefälle vorbehalten werden - für richtig oder sind Leistungskriterien besser?

Andreas Schleicher: Darüber diskutieren die Experten in vielen Ländern. Meine persönliche Einschätzung ist, dass leistungsorientierte Zugangskriterien der bessere Weg sind.

Berliner Morgenpost: Schulexperten befürchten, dass mit dem Start der Reform das Gymnasium überrannt wird und dort viele Schüler ankommen werden, die nicht für diese Schulform geeignet sind, nur weil Eltern verunsichert sind. Sehen Sie das auch so?

Andreas Schleicher: Das Einsortieren von Schülern in fest gefügte Schulformen ist doch ein Bildungsmodell einer längst vergangenen Zeit. Die meisten Länder haben derartige Reformen bereits in den siebziger und achtziger Jahren erfolgreich bewältigt. Im Übrigen hat es damals auch in Finnland und Schweden ganz ähnliche Sorgen und Reaktionen gegeben.

Berliner Morgenpost: Pisa hat gezeigt, dass in Deutschland wie in kaum einem anderen Land die soziale Herkunft der Schüler entscheidend für deren Bildungserfolg ist. Sehen Sie in der Schulreform tatsächlich den Weg, diese Situation zu verändern und die Chancengleichheit der Kinder zu erhöhen?

Andreas Schleicher: Ja, jede Barriere im Bildungssystem verstärkt Chancenungleichheit, ohne Leistung zu fördern. Der Abbau unterschiedlicher Schulformen ist damit in der Tat eine wichtige Voraussetzung dafür, Chancengerechtigkeit zu verbessern.

Andreas Schleicher: Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Strukturreformen letztlich nur Mittel zum Zweck sein können. Den Erfolg wird man daran messen, ob Schulen den Schülern helfen, sich in einer sich immer schneller verändernden Welt zurechtzufinden, auf Berufe vorbereitet zu sein, die wir heute noch nicht kennen; Technologien zu nutzen, die erst morgen erfunden werden, strategische Herausforderungen zu bewältigen, von denen wir heute noch nicht wissen, dass es sie gibt.




Schnellsuche

Erweiterte Suche



  • Sie haben Fragen?
  • Newsletter
  • Linksfraktion im Abgeordnetenhaus Berlin

Navigation


Sprungmarken: Seitenanfang, Seiteninhalt, Schnellsuche, Navigation.