Jürgen Amendt
Quelle: Erziehung & Wissenschaft 1/2010
Fortschritt im Schneckentempo: Berlin reformiert sein Schulsystem.
Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zur so genannten Sekundarschule
zusammengefasst. Am Gymnasium wird nicht gerüttelt. Das Modell der
zehnjährigen Gemeinschaftsschule bleibt Pilotprojekt mit „pädagogischen
Leuchttürmen“.Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte in den vergangenen
Monaten viel zu tun. Auf einer Tour durch die zwölf Berliner Bezirke
hat der SPD-Politiker bei Eltern und Lehrkräften für seine Schulreform
geworben. Ab dem kommenden Schuljahr sollen die Schulstruktur in der
Hauptstadt auf ein zweigliedriges System umgestellt und die Hauptschule
abgeschafft werden. Das ist harte Arbeit, denn die Reform hat viele
Gegner und war selbst innerhalb des rot-roten Senats nicht unumstritten.
„Aus
fünf mach’ zwei“ lautet das Motto Zöllners, will heißen: Aus einem in
Wahrheit nicht mehr dreigliedrigen Schulsystem, sondern einem
unübersichtlichen Nebeneinander von Haupt-, Verbundenen Haupt- und
Realschulen, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien soll nach der
sechsten Klasse nur noch ein zweigliedriges Modell aus Sekundarschule
und Gymnasium übrig bleiben. Der Senat hat dem von Zöllner im September
2009 vorgelegten Gesetz bereits zugestimmt, das Abgeordnetenhaus soll
der rot-roten Schulreform noch im Januar seinen Segen erteilen.
Linke geht Kompromiss einDie
Berliner Linkspartei stimmte diesem Modell nur zähneknirschend zu, hat
sie sich doch für die zehnjährige Gemeinschaftsschule stark gemacht. Als
Pilotprojekt
wird dieses Modell zwar nach wie vor weitergeführt, doch die 20
Schulen, die sich mittlerweile daran beteiligen, sind lediglich
„pädagogische Leuchttürme“ unter den rund 800 allgemein bildenden
Schulen der Hauptstadt. Bei den Eltern sind sie durchaus beliebt. So
wie beispielsweise die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule im
Bezirk Pankow. 2008 war die Einrichtung die einzige wirkliche
Neugründung unter den Berliner Gemeinschaftsschulen. Die Nachfrage ist
groß: Für die 80 freien Plätze im laufenden Schuljahr gab es 208
Anmeldungen.
Stefan Walkau ist aus dem Bezirk Wedding in den
Kiez rund um die Gudvanger Straße in den Stadtteil Prenzlauer Berg
gezogen, damit er seinen Sohn in die dortige Humboldt-Schule einschulen
kann. Der aus Bremen stammende Akademiker weiß um die Vorurteile, die
gerade Eltern im bildungsbürgerlichen Milieu umtreibt. „Manche
fürchten, dass ihre Kinder in einer Schule für alle nicht ausreichend
genug gefördert werden“, sagt Walkau.
Unbegründete Ängste Schulleiterin
Gabriela Anders-Neufang hält derlei Ängste für unbegründet. Die Vorzüge
des gemeinsamen Lernens hätten sich herumgesprochen, meint sie, das
zeigten die hohen Anmeldezahlen. Nachfrage nach Gemeinschaftsschulen
gibt es selbst im eher konservativ geprägten Bezirk
Steglitz-Zehlendorf. Dort wird demnächst eine staatliche
Montessori-Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe entstehen. Die
CDU-Mehrheit im Bezirk stimmte dem Modellprojekt zu, obwohl sie
grundsätzliche Bedenken gegen diese Schulreform hege, betonte ein
Sprecher der Partei. Man habe sich aber dem Wunsch vieler Eltern
gebeugt, hieß es zur Begründung.
Gymnasien bleibenBei
der Berliner GEW hätte man gerne mehr dieser Projekte, weiß jedoch,
dass es für eine Abschaffung des Gymnasiums in der Bevölkerung keine
Mehrheit gibt. „Wer als Politiker den Gymnasien an den Kragen geht,
verliert die nächsten Wahlen“, sagt Peter Sinram, Pressesprecher der
GEW Berlin. „Einen Konsens der Parteien wie vor einigen Jahrzehnten in
Finnland, die Bildung aus der politischen Diskussion herauszuhalten,
gibt es in Deutschland leider nicht“, bedauert Sinram. Mit der jetzt
gefundenen Kombi-Lösung aus Gymnasium und Sekundarschule „kommen wir
aber immerhin voran, wenn auch im Schneckentempo“, sagt er dennoch
vorsichtig optimistisch.
Ganz ohne Bildungskampf ging die
Reform jedoch nicht über die Bühne. Die drei CDU-Bildungsstadträte aus
Spandau, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg positionierten sich im
Spätsommer 2009 gegen den Rat der Bürgermeister, der sich einstimmig
für eine einheitliche Einführung der Sekundarschule schon in 2010
ausgesprochen hatte. Die konservativen Kommunalpolitiker hätten die
Umsetzung der Reform gerne noch ein Jahr verschoben. Sie begründeten
dies u. a. mit der ihrer Meinung nach unzureichenden Finanzierung der
Reform. Die Unionspolitiker rechtfertigten ihre Entscheidung mit dem
Gesetzesentwurf des Senats, der den Schulen die Möglichkeit
unterschiedlicher Reformgeschwindigkeiten einräumt. Mitte Dezember 2009
gaben sie ihren Widerstand auf. Das ist auch dem Druck der Schulen zu
verdanken, die so schnell wie möglich fusionieren wollten. Sie hatten
kritisiert, dass ein längeres Warten die Eltern verunsichere. Die
Berliner GEW-Vorsitzende Rose-Marie Seggelke begrüßte das Ende der
CDU-Blockadehaltung, kritisierte aber das parteipolitisch motivierte
Vorgehen, das auf dem Rücken der reformwilligen Schulen ausgetragen
worden sei. In den drei betroffenen Bezirken sei so ein halbes
Schuljahr der Planung und Vorbereitung verschenkt worden.
Jürgen Amendt, Redakteur„Neues Deutschland“