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13.01.2010

„Aus fünf mach’ zwei“

Jürgen Amendt
Quelle: Erziehung & Wissenschaft 1/2010

Fortschritt im Schneckentempo: Berlin reformiert sein Schulsystem. Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zur so genannten Sekundarschule zusammengefasst. Am Gymnasium wird nicht gerüttelt. Das Modell der zehnjährigen Gemeinschaftsschule bleibt Pilotprojekt mit „pädagogischen Leuchttürmen“.

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte in den vergangenen Monaten viel zu tun. Auf einer Tour durch die zwölf Berliner Bezirke hat der SPD-Politiker bei Eltern und Lehrkräften für seine Schulreform geworben. Ab dem kommenden Schuljahr sollen die Schulstruktur in der Hauptstadt auf ein zweigliedriges System umgestellt und die Hauptschule abgeschafft werden. Das ist harte Arbeit, denn die Reform hat viele Gegner und war selbst innerhalb des rot-roten Senats nicht unumstritten.

„Aus fünf mach’ zwei“ lautet das Motto Zöllners, will heißen: Aus einem in Wahrheit nicht mehr dreigliedrigen Schulsystem, sondern einem unübersichtlichen Nebeneinander von Haupt-, Verbundenen Haupt- und Realschulen, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien soll nach der sechsten Klasse nur noch ein zweigliedriges Modell aus Sekundarschule und Gymnasium übrig bleiben. Der Senat hat dem von Zöllner im September 2009 vorgelegten Gesetz bereits zugestimmt, das Abgeordnetenhaus soll der rot-roten Schulreform noch im Januar seinen Segen erteilen.

Linke geht Kompromiss ein

Die Berliner Linkspartei stimmte diesem Modell nur zähneknirschend zu, hat sie sich doch für die zehnjährige Gemeinschaftsschule stark gemacht. Als
Pilotprojekt wird dieses Modell zwar nach wie vor weitergeführt, doch die 20 Schulen, die sich mittlerweile daran beteiligen, sind lediglich „pädagogische Leuchttürme“ unter den rund 800 allgemein bildenden Schulen der Hauptstadt. Bei den Eltern sind sie durchaus beliebt. So wie beispielsweise die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschafts­schule im Bezirk Pankow. 2008 war die Einrichtung die einzige wirkliche Neugründung unter den Berliner Gemeinschaftsschulen. Die Nachfrage ist groß: Für die 80 freien Plätze im laufenden Schuljahr gab es 208 Anmeldungen.

Stefan Walkau ist aus dem Bezirk Wedding in den Kiez rund um die Gudvanger Straße in den Stadtteil Prenzlauer Berg gezogen, damit er seinen Sohn in die dortige Humboldt-Schule einschulen kann. Der aus Bremen stammende Akademiker weiß um die Vorurteile, die gerade Eltern im bildungsbürgerlichen Milieu umtreibt. „Manche fürchten, dass ihre Kinder in einer Schule für alle nicht ausreichend genug gefördert werden“, sagt Walkau.

Unbegründete Ängste

Schulleiterin Gabriela Anders-Neufang hält derlei Ängste für unbegründet. Die Vorzüge des gemeinsamen Lernens hätten sich herumgesprochen, meint sie, das zeigten die hohen Anmeldezahlen. Nachfrage nach Gemeinschaftsschulen gibt es selbst im eher konservativ geprägten Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Dort wird demnächst eine staatliche Montessori-Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe entstehen. Die CDU-Mehrheit im Bezirk stimmte dem Modellprojekt zu, obwohl sie grund­sätzliche Bedenken gegen diese Schulreform hege, betonte ein Sprecher der Partei. Man habe sich aber dem Wunsch vieler Eltern gebeugt, hieß es zur Begründung.

Gymnasien bleiben

Bei der Berliner GEW hätte man gerne mehr dieser Projekte, weiß jedoch, dass es für eine Abschaffung des Gymnasiums in der Bevölkerung keine Mehrheit gibt. „Wer als Politiker den Gymnasien an den Kragen geht, verliert die nächsten Wahlen“, sagt Peter Sinram, Pressesprecher der GEW Berlin. „Einen Konsens der Parteien wie vor einigen Jahrzehnten in Finnland, die Bildung aus der politischen Diskussion herauszuhalten, gibt es in Deutschland leider nicht“, bedauert Sinram. Mit der jetzt gefundenen Kombi-Lösung aus Gymnasium und Sekundarschule „kommen wir aber immerhin voran, wenn auch im Schneckentempo“, sagt er dennoch vorsichtig optimistisch.

Ganz ohne Bildungskampf ging die Reform jedoch nicht über die Bühne. Die drei CDU-Bildungsstadträte aus Spandau, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg positionierten sich im Spätsommer 2009 gegen den Rat der Bürgermeister, der sich einstimmig für eine einheitliche Einführung der Sekundarschule schon in 2010 ausgesprochen hatte. Die konservativen Kommunalpolitiker hätten die Umsetzung der Reform gerne noch ein Jahr verschoben. Sie begründeten dies u. a. mit der ihrer Meinung nach unzureichenden Finanzierung der Reform. Die Unionspolitiker rechtfertigten ihre Entscheidung mit dem Gesetzes­entwurf des Senats, der den Schulen die Möglichkeit unterschiedlicher Reformgeschwindigkeiten einräumt. Mitte Dezember 2009 gaben sie ihren Widerstand auf. Das ist auch dem Druck der Schulen zu verdanken, die so schnell wie möglich fusionieren wollten. Sie hatten kritisiert, dass ein längeres Warten die Eltern verunsichere. Die Berliner GEW-Vorsitzende Rose-Marie Seggelke begrüßte das Ende der CDU-Blockadehaltung, kritisierte aber das parteipolitisch motivierte Vorgehen, das auf dem Rücken der reformwilligen Schulen ausgetragen worden sei. In den drei betroffenen Bezirken sei so ein halbes Schuljahr der Planung und Vorbereitung verschenkt worden.

Jürgen Amendt, Redakteur
„Neues Deutschland“


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