08.01.2010
Mischen statt trennen
Bildungspolitik 2010
Quelle: focus online vom 8.1.2010
Einige Länder basteln ihre Schulsysteme um. Der Trend: sechs Jahre
Grundschule und gemeinsames Lernen von Haupt-, Real- und
Gesamtschülern. Das Ziel: mehr Chancengleichheit. Eltern und Verbände
stellen sich quer.
In Berlin hat die Schulreform desrot-roten Senats im
Abgeordnetenhaus soeben die erste Hürde genommen. SPD und Linke
stimmten am Donnerstag für die Reform, deren Kern die sogenannte
Sekundarschule ist. CDU und FDP votierten dagegen, die Grünen
enthielten sich. Ab Herbst tritt damit die Sekundarschule als einzige
weiterführende Schule neben das Gymnasium. Sie soll alle Abschlüsse
ermöglichen, auch das Abitur. Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden
abgeschafft. Das Gesetz soll in der kommenden Woche vom
Abgeordnetenhaus verabschiedet werden.
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Bis zum Sommer wandeln nun die Berliner Bezirke ihre Haupt-, Real- und
Gesamtschulen in 105 Sekundarschulen um, zum Teil sind Fusionen
geplant. Mindestens 20 Schulgebäude werden aufgegeben. Parallel läuft
als Pilotprojekt die Gemeinschaftsschule weiter. An künftig 16 Schulen
lernen von der ersten bis mindestens zur zehnten Klasse jeweils alle
Schüler eines Jahrgangs gemeinsam.
Widerstand formiert sich
Als
Antwort auf den Beschluss wollen sich mehrere Verbände zum
Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen Berlin-Brandenburg
zusammenschließen. Darunter sind die Landesverbände des Deutschen
Philologenverbands und des Verbandes Deutscher Realschullehrer. Es sei
empirisch belegt, dass Schüler in homogenen Lerngruppen im gegliederten
Schulwesen leistungsfähiger sind als in heterogenen Einheitsschulen
oder zweigliedrigen Schulsystemen, erklären die Reformgegner.
Hamburg: Einigung im Schulstreit möglich
In
Hamburg ist man in Sachen Reform und Gegenreform schon einen Schritt
weiter. Anfang Oktober hatte der schwarz-grüne Senat die Schaffung
sechsjähriger Primarschulen und die Zusammenführung von Haupt-, Real-
und Gesamtschulen zu sogenannten Stadtteilschulen beschlossen. Doch
schon im November war alles wieder in der Schwebe. Reformgegner hatten
mit einem erfolgreichen Volksbegehren den Weg für einen möglichen
Volksentscheid gegen die Schulreform freigemacht.
Die Fronten
schienen verhärtet. Doch seit gestern stehen in Hamburg die Zeichen auf
Kompromiss. „Wenn guter Wille auf beiden Seiten besteht, müsste eine
Einigung erzielt werden können“, sagte Vermittler Michael Otto nach dem
Spitzengespräch mit Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und
Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL). Auch von Beust gab sich
optimistisch: „Ich bin guter Hoffnung, dass wir einen Weg finden
können, der den Anliegen aller Beteiligten gerecht wird.“
Schluss mit den Diskussionen
Über
die konkreten Inhalte des Gesprächs wurde Stillschweigen vereinbart.
Doch eines scheint klar: An der Abschaffung des dreigliedrigen
Schulsystems wird nicht gerüttelt. Von der Einteilung der Schüler in
drei Grundtypen – „den handwerklich Begabten mit wenig Intellekt für
die Hauptschule, den mäßig handwerklich Begabten mit mehr Intellekt,
der auf die Realschule geht, und den wenig handwerklich begabten, aber
dafür sehr intelligenten Schüler, der Abitur macht“ – hält von Beust
nichts. „Diese Dreiteilung ist Ausdruck veralteten, ständischen
Denkens“, erklärte der CDU-Politiker.
Dagegen begrüßte der
Hamburger Bürgermeister das Angebot des SPD-Landesvorsitzenden Olaf
Scholz, einen „parteiübergreifenden Pakt für einen Schulfrieden“ zu
schließen. Die Regierungsparteien CDU und Grüne sowie SPD, FDP und
vielleicht auch die Linke sollten sich für eine Dauer von zehn Jahren
auf eine bildungspolitische Linie festlegen, „damit wir nicht vor jeder
Wahl diese Systemdiskussion haben“. In Hamburgs Schulpolitik soll
endlich Ruhe einkehren.
Saarland und Thüringen ziehen nach
Während
um die sechsjährige Grundschule in Hamburg noch gerungen wird, ist sie
in Berlin und Brandenburg bereits Realität. Auch die neuen
Landesregierungen im Saarland und in Thüringen streben eine längere
Grundschulzeit an. Die frühe Aufteilung der Schüler im Alter von zehn
Jahren gilt als wesentlicher Grund für die in der Bundesrepublik
besonders ausgeprägte Abhängigkeit von Schulerfolg und sozialer
Herkunft.