Quelle: Neues Deutschland vom 8.1.2010
Jetzt will also auch Thüringen dem dreigegliederten Schulsystem an den Kragen. Wenigstens ein bisschen: Wie in Berlin soll es im Freistaat künftig Gemeinschaftsschulen geben. Dass die SPD dies gegen den Koalitionspartner CDU durchsetzen konnte, ist schon als kleiner Erfolg zu bewerten. Veränderungen im Bildungssystem, das zeigen die Debatten in den vergangenen Jahrzehnten, sind in Deutschland immer nur in kleinen Schritten möglich. Den große Wurf, wie er vielen linken Bildungsreformern vorschwebt, wird es nicht geben. Das verhindert allein schon die föderale Struktur der Bundesrepublik.
Skeptiker werden das Projekt Gemeinschaftsschule in Thüringen eher negativ bewerten. Wie in Berlin wird es wohl bei einigen Schulversuchen bleiben, wird sich an der grundsätzlichen Schulstruktur so schnell nichts ändern. Das stimmt, doch das Projekt kann wie in Berlin auch ein Anfang sein. Ich will das ein einem Beispiel erläutern. Die Heinrich-von-Stephan-Schule in Berlin-Tiergarten hatte jahrelang mit dem Ruf zu kämpfen, eine Resterampe für aussortierte Hauptschüler zu sein. Der Anteil von Schülern aus bildungsfernen Schichten war und ist hoch. Doch die Schule hat sich vor einigen Jahren einer anderen Pädagogik verschrieben und beteiligt sich seit dem vergangenen Jahr am Modellversuch Gemeinschaftsschule. Seit diesem Schuljahr gibt es sogar eine gymnasiale Oberstufe.
Das zeigte Wirkung. »Wir haben immer mehr Anmeldungen von Eltern aus bildungsbürgerlichem Milieu, die uns als Alternative zum Gymnasium sehen«, erklärt der Schulleiter Jens Großpietsch und er vermutet, dass es ähnliche Entwicklungen auch in anderen Berliner Schulen gibt, wenn ab Sommer die Sekundarschule eingeführt wird.
Das könnte ein guter Anfang sein. Die Eltern, die ihre Kinder nicht auf ein Gymnasium, sondern stattdessen auf eine Sekundarschule schicken, könnten die Pioniere des Ausstiegs aus dem überkommenen gegliederten Schulsystem sein, ohne dass sie das unter Umständen ausdrücklich so gewollt haben.