Das schnellste Urteil über das Schulstrukturkonzept des Berliner Bildungssenators Zöllner hat der Verfasser selbst gefällt: »Das Spektakuläre an diesem Vorschlag ist, dass er nicht spektakulär ist.« (Pressemeldung vom 10. September 2008). Zumindest dieser Einschätzung ist beizupflichten. Bei dem Versuch, das zersplitterte Schulwesen der Bundeshauptstadt neu zu organisieren, hätte allerdings etwas mehr Mut nicht geschadet.
Der Bildungssenator hat den Auftrag des Abgeordnetenhauses erfüllt und fristgerecht einen »Vorschlag zur Weiterentwicklung der Schulstruktur« vorgelegt. Was ist Zöllner dazu eingefallen? Er möchte das Schulwesen der Stadt in zwei Schritten in ein zweigliedriges umwandeln. Von überschaubaren Ausnahmen abgesehen, soll es von der nächsten Legislaturperiode nach der sechsjährigen Grundschule nur noch zwei Angebotsformen des allgemeinbildenden Schulwesens geben, nämlich Regionalschulen und Gymnasien.
Vergleiche mit anderen Bundesländern
Das ist in der Tat kein spektakulärer Entwurf. Abgesehen von der Begrifflichkeit hat sich die schwarz-rote Koalition in Hamburg auf das gleiche System verständigt. Dass Zöllner die Bezeichnung »Regionalschule« für den nichtgymnasialen Bildungsgang gewählt hat, ist dabei zwar marginal, gleichwohl aber irritierend: War es eine nostalgische Reminiszenz an sein früheres Wirkungsfeld Rheinland-Pfalz? Dann hätte er wissen können, dass dieser neu eingeführte Bildungsgang in seiner alten Heimat zwar unglaublich schnell reüssierte, vor allem auf Kosten der eigenständigen Hauptschulen, inzwischen aber gegenüber Gymnasien und Gesamtschulen ins Hintertreffen gerät. Kaum zu glauben, dass ihn das gleichnamige Konzept der CDU in Schleswig-Holstein inspiriert haben könnte, denn die von der dortigen Großen Koalition vereinbarte Zwangsfusion von Haupt- und Realschulen ist bei Schulen, Schulträgern und Eltern unpopulär. Ungleich gefragter ist hier die Gemeinschaftsschule, 55 gibt es davon schon nach gerade erst zwei Jahren, und der Gründungsboom hält offenbar an.
In Berlin ist gerade erst ein Modellprojekt gleicher Bezeichnung, aber strukturell etwas anders aufgebaut, an den Start gegangen. Doch noch ehe die ersten Erfahrungen aus der Praxis und der zugehörigen wissenschaftlichen Begleitung vorliegen, läutet ihm Zöllner das Totenglöcklein. Seine Pläne dürften für die mit Verve gestarteten Schulen mutmaßlich ähnlich demotivierend sein wie für den »Runden Tisch Gemeinschaftsschule« und den Gemeinschaftsschul-Beirat.
Alter Wein in neuen Schläuchen
Das alles ließe sich verschmerzen, böte das Zöllner-Konzept die besseren Ideen. Tatsächlich ist es eher alter Wein in neuen Schläuchen: Zweigliedrigkeit als Zweiwertigkeit. Zweiwertig deshalb, weil Bildungsgänge ohne ausgewiesene Gymnasialstandards perspektivisch die Verlierer im Ringen um die künftigen Schülerinnen und Schüler sein werden, deren Zahl auch in Berlin sinken dürfte. Denn wenn die Analyse des Schulwahlverhaltens in allen Bundesländern nicht gänzlich falsch liegt, wollen Eltern von Jahr zu Jahr in größerer Zahl eine Schule für ihr Kind, die (auch) Unterricht auf Gymnasialniveau anbietet. Daran wird sich in Zukunft nichts ändern, denn ungeachtet aller Begabungs- und Eignungsbeschwörungen erfolgen Schulwahlentscheidungen maßgeblich nach dem Schulabschluss der Eltern. Die aber werden von Jahr zu Jahr besser. Doch es geht keineswegs um das Erreichen gleicher Schulabschlüsse von Eltern und Kindern: Nicht zuletzt unter dem Druck des Arbeits- und Ausbildungsmarktes müssen Kinder bessere Schulabschlüsse als ihre Eltern erreichen, wenn der soziale Status der Familien wenigstens erhalten bleiben soll (Anmerkung 1). So läuft letztlich alles auf den Wunsch nach gymnasialen Inhalten hinaus.
Die Sichtweise Zöllners ist nicht zeitgemäß
Bisher war das hierzu passende Angebot in Berlin auf Gymnasien und Gesamtschulen begrenzt, jetzt kommen auch die Gemeinschaftsschulen dazu. Nach Zöllners Vorschlag heißt es in Zukunft: Nur wo Gymnasium draufsteht, ist auch Gymnasium drin.
Diese Sichtweise ist nicht mehr zeitgemäß. Zum Beleg ließen sich die überwiegend erfolgreicheren Schulsysteme der OECD-Staaten heranziehen. Wer aber vor einer durchgreifenden Strukturreform zurückschreckt (dafür sollte es in Deutschland nicht an Verständnis fehlen), kann zumindest in Gesamtschulen und neuerdings auch in Gemeinschaftsschulen den Nachweis finden, dass der Alleinvertretungsanspruch für schulische Spitzenleistungen nicht nur von Gymnasien geltend gemacht werden kann. Wenn also schon Zweigliedrigkeit � warum dann nicht eine Strategie zweier gleichwertiger Angebotsformen?
Es wäre ein Leichtes gewesen, neben den traditionellen Gymnasien eine Alternative anzubieten, die explizit auch leistungsstarke Kinder angemessen fördern kann. Auch damit wäre Zweigliedrigkeit machbar und ein befürchteter Kulturkampf um den Fortbestand der Gymnasien vermeidbar gewesen. Das Land Schleswig-Holstein hat es zumindest ansatzweise vorgemacht: Gemeinschaftsschulen als Schulen für alle, daneben Gymnasien. Und weit und breit ist kein Konflikt um eine solche Koexistenz erkennbar. Für Berlin hätte das bedeuten können: Gemeinschaftsschulen und Gymnasien als zwei Wege zum selben Ziel. Bei angemessener Ausstattung und Förderung hätten dann nicht einmal Gesamtschulen einen nachvollziehbaren Grund, sich einem solchen Modell zu verschließen. Die Frage der zugehörigen Oberstufe ist dann nicht mehr zentral, sondern kann fakultativ beantwortet werden: Ja, wenn die SchülerInnenzahlen in der Sekundarstufe I ausreichen, nein und damit ein Oberstufen-Kooperationsmodell, wenn das nicht der Fall ist. Also bloß keine Dogmen mehr, auch darüber ist die Zeit hinweggegangen.
Die Eltern haben sich gewandelt
Zöllners Konzept erscheint eher als Appeasement-Strategie zur Sedierung der Gymnasialklientel. Das kann aber kein ausschlaggebendes Kriterium für politische Gestaltung sein, auch deshalb nicht, weil es einen tief greifenden Wandel in den Einstellungen der Eltern ignoriert. Inzwischen gibt es viele bildungsbürgerliche Eltern, die mit dem Abiturwunsch nicht automatisch den Gymnasialbesuch assoziieren. Länger gemeinsam lernen? Ja, wenn das Ziel nicht aus dem Blick gerät. Turbo-Abitur? Lieber nicht, ein Jahr länger mit der Unterstützung durch Ganztagsbetrieb ist für mein Kind wahrscheinlich besser. Gleichzeitig wird frühe Auslese immer fragwürdiger, und die dahinter stehenden Begabungsideologien im Gleichschritt auch. Was also sollte ein Modell rechtfertigen, das ab Jahrgangsstufe 6 gleichsam konturierte Begabungstypen auf unterschiedliche Bildungsgänge sortiert?
Schon heute widerlegt in Berlin der beachtliche Erfolg vermeintlich ungeeigneter SchülerInnen in Realschulen und Gymnasien die Vorstellung von der Sortierfähigkeit nach sechs Schuljahren (Anmerkung 2). Was soll sich daran ändern, wenn das Sortieren prinzipiell bleibt und dafür nur noch zwei statt vier (oder fünf) Schubladen zur Verfügung stehen?
Der Bildungssenator sollte noch einmal in Ruhe nachdenken. Der Bundeshauptstadt und der sie regierenden Koalition jedenfalls würde ein bisschen mehr Modernität gut zu Gesicht stehen. Es muss ja nicht (siehe nochmals auf Schleswig-Holstein) unbedingt spektakulär sein.