Senator Zöllner ist einen Schritt weiter als sein Vorgänger. Betonierte der noch die überkommene Schulstruktur in allen Details ins Schulgesetz, erkennt Zöllner: so geht es nicht weiter. Es besteht Handlungsbedarf. Also handelt er, wie es seit Evers kein Schulsenator mehr getan hat. Er verkündet eine langfristige Vision für die Berliner Schule. Und diese Vision heißt: Verschmelzung von Haupt- und Realschule sofort, Bildung eines Zwei-Säulen-Modells aus Gymnasium und einer Schule für den Rest der Welt, der »Regionalschule« aus Haupt-, Real-, Gesamt- und der neu gegründeten Gemeinschaftsschule langfristig.
Mit dieser visionären Klappe möchte Zöllner offenbar einen ganzen Fliegenschwarm auf einmal schlagen. Er wird die Hauptschulen los, die viel Geld kosten und bei allem persönlichen Einsatz niemandem nutzen, er kann Schulstandorte unter konstruktivem Vorzeichen schließen, er liquidiert den sozialdemokratischen Reformansatz Gesamtschule ohne Ansehen von Erfolg oder Misserfolg der einzelnen Schulen endgültig, er beschädigt den Reformansatz Gemeinschaftsschule und damit den Koalitionspartner Linkspartei nachhaltig, er umschmeichelt das Gymnasium und die damit emotional verbundene Klientel, indem er es zur pädagogischen Gralsburg hochstilisiert und institutionell weiter stärkt, er eröffnet damit der SPD neue politische Optionen in Richtung FDP, Grüne und CDU nach der nächsten Wahl und tut so Wowi einen Gefallen. »Sieben auf einen Streich« � wie im Märchen.
Visionäre Feldzüge verbreiten kurzfristig Glanz, hinterlassen aber
langfristige Kollateralschäden. Auf der Strecke bleibt hier die
erziehungswissenschaftlich nachvollziehbar begründete
bildungspolitische Perspektive einer demokratischen, auf
Chancengleichheit, soziale Integration und individuelle Förderung aller
Kinder gerichteten Schule � besonders pikant bei Menschen, die auf ihre
wissenschaftliche Bildung großen Wert legen. Frustriert werden die
KollegInnen, die dafür gekämpft haben. Benachteiligte Jugendliche
dürfen nicht auf mehr hoffen als auf den Aufstieg aus der Dritt- in die
Zweitklassigkeit gemeinsam mit etwas weniger Benachteiligten. Und die
bildungspolitische Glaubwürdigkeit der SPD ist ruiniert, die auf ihren
Parteitagen die Schule für alle beschließt und anschließend ihre
Regierungsmitglieder das Gegenteil tun lässt.
Politische
VisionärInnen leiden eben manchmal unter einer berufsspezifischen
Kurzsichtigkeit, die sie nur bis zum nächsten Wahltermin sehen lässt.
Der schulpolitische und pädagogische Diskurs in der Gesellschaft ist
aber inzwischen viel weiter in Richtung Integration und einer Schule
für alle gegangen, wie zahlreiche Umfragen belegen. Wo bleiben
PolitikerInnen, die dieser Strömung eine politische Repräsentanz
verschaffen, statt sie mit dem Hinweis auf die nächsten Wahlen oder
fehlendem bildungsbürgerlichen Stallgeruch abzubügeln?