Eine Gemeinschaftsschule für alle!

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13.11.2008

Kurzsichtige Visionäre

Über die Pläne des Bildungssenators zum Umbau der Berliner Schule

Thomas Isensee
Quelle: Berliner Lehrerzeitung Nr. 11/2008

Senator Zöllner ist einen Schritt weiter als sein Vorgänger. Betonierte der noch die überkommene Schulstruktur in allen Details ins Schulgesetz, erkennt Zöllner: so geht es nicht weiter. Es besteht Handlungsbedarf. Also handelt er, wie es seit Evers kein Schulsenator mehr getan hat. Er verkündet eine langfristige Vision für die Berliner Schule. Und diese Vision heißt: Verschmelzung von Haupt- und Realschule sofort, Bildung eines Zwei-Säulen-Modells aus Gymnasium und einer Schule für den Rest der Welt, der »Regionalschule« aus Haupt-, Real-, Gesamt- und der neu gegründeten Gemeinschaftsschule langfristig.

Mit dieser visionären Klappe möchte Zöllner offenbar einen ganzen Fliegenschwarm auf einmal schlagen. Er wird die Hauptschulen los, die viel Geld kosten und bei allem persönlichen Einsatz niemandem nutzen, er kann Schulstandorte unter konstruktivem Vorzeichen schließen, er liquidiert den sozialdemokratischen Reformansatz Gesamtschule ohne Ansehen von Erfolg oder Misserfolg der einzelnen Schulen endgültig, er beschädigt den Reformansatz Gemeinschaftsschule und damit den Koalitionspartner Linkspartei nachhaltig, er umschmeichelt das Gymnasium und die damit emotional verbundene Klientel, indem er es zur pädagogischen Gralsburg hochstilisiert und institutionell weiter stärkt, er eröffnet damit der SPD neue politische Optionen in Richtung FDP, Grüne und CDU nach der nächsten Wahl und tut so Wowi einen Gefallen. »Sieben auf einen Streich« � wie im Märchen.

Visionäre Feldzüge verbreiten kurzfristig Glanz, hinterlassen aber langfristige Kollateralschäden. Auf der Strecke bleibt hier die erziehungswissenschaftlich nachvollziehbar begründete bildungspolitische Perspektive einer demokratischen, auf Chancengleichheit, soziale Integration und individuelle Förderung aller Kinder gerichteten Schule � besonders pikant bei Menschen, die auf ihre wissenschaftliche Bildung großen Wert legen. Frustriert werden die KollegInnen, die dafür gekämpft haben. Benachteiligte Jugendliche dürfen nicht auf mehr hoffen als auf den Aufstieg aus der Dritt- in die Zweitklassigkeit gemeinsam mit etwas weniger Benachteiligten. Und die bildungspolitische Glaubwürdigkeit der SPD ist ruiniert, die auf ihren Parteitagen die Schule für alle beschließt und anschließend ihre Regierungsmitglieder das Gegenteil tun lässt.
Politische VisionärInnen leiden eben manchmal unter einer berufsspezifischen Kurzsichtigkeit, die sie nur bis zum nächsten Wahltermin sehen lässt. Der schulpolitische und pädagogische Diskurs in der Gesellschaft ist aber inzwischen viel weiter in Richtung Integration und einer Schule für alle gegangen, wie zahlreiche Umfragen belegen. Wo bleiben PolitikerInnen, die dieser Strömung eine politische Repräsentanz verschaffen, statt sie mit dem Hinweis auf die nächsten Wahlen oder fehlendem bildungsbürgerlichen Stallgeruch abzubügeln?

Machen wir uns keine Illusionen: in der politischen Willensbildung entscheiden keine Argumente, sondern das Kräfteparallelogramm der Interessen. Damit kann der Naturwissenschaftler Zöllner sicher besser umgehen als mit Visionen. Wenn er lieber dem Trend folgen als einen setzen möchte, dann setzt er sich vielleicht durch. Was dann bleibt, ist der schulpolitische Grabenkrieg in den Gremien und Lobbys, um die gröbsten Benachteiligungen innerhalb einer sozial selektiven Zweigliedrigkeit abzuwenden und vielleicht einige integrative Schulen im Hinblick auf eine ferne Zukunft zu erhalten. Bis das entschieden ist, sollten wir aber in der Kritik nicht nachlassen.


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