Präambel
Die Berliner Bildungspolitik ist merklich in Bewegung geraten. Viele Menschen wollen, dass sich Schule verändert. Sie diskutieren über frühkindliche Bildung, die Qualität von Unterricht, die Gemeinschaftsschule, die Krise der Hauptschulen und über vieles mehr. Rot-Rot hat in der Bildungspolitik Prioritäten gesetzt. Kita- und Grundschulreform, der Ausbau der Ganztagsangebote, die Stärkung eigenverantwortlicher Schulen und das »Arbeitsprogramm Hauptschule« stehen für die Verbesserung der Qualität der Berliner Schule. Mit der Gemeinschaftsschule und dem gelungenen Start ins neue Schuljahr wird dieser Weg fortgesetzt. Dennoch – Berliner Bildung kann und muss noch besser werden:
Wir wollen uns an dieser Stelle auf die Schule konzentrieren.
Uns geht es um eine langfristige Orientierung jenseits des politisch üblichen Zeithorizonts von einer Wahlperiode. Wir brauchen vor allem eine Debatte darüber, welche Ergebnisse die Berliner Schule erreichen soll. Notwendige Veränderungen für Inhalte und Strukturen müssen sich daraus ergeben; wir wollen eine entideologisierte, keine auf Strukturen reduzierten Debatte. Deshalb stellen wir »Berliner Bildungsziele« und zugleich Maßnahmen vor, mit denen wir diese Ziele erreichen wollen und zur Diskussion.
Ein Schulabschluss ist eine wichtige Voraussetzung zu einem erfolgreichen, möglichst selbstbestimmten Leben. Er ist die Voraussetzung zum Einstieg in das Berufsleben, zum Ergreifen einer Lehrstelle oder den Beginn eines Studiums. Deshalb ist es wichtig, dass möglichst alle Schülerinnen und Schüler einen Schulabschluss erwerben. In den vergangenen Jahren ist in Berlin die Zahl der Schulabbrecher allgemein zurückgegangen. Aber noch immer verlassen zu viele Schülerinnen und Schüler die Schule ohne irgendeinen Abschluss. Besonders stark betroffen ist die Hauptschule, die im letzten Jahr 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss verlassen haben. Zudem gibt es weiterhin regionale Unterschiede und höhere Abbrecherquoten in sozial belasteten Bezirken sowie unter den Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und aus bildungsbenachteiligten Familien. Gerade für Kinder mit Migrationshintergrund ist es entscheidend, dass sie nicht wegen mangelnder Sprachkompetenz in der Schule scheitern.
Wir wollen, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre nahezu alle Schülerinnen und Schüler einen Abschluss der allgemeinbildenden Schule erreichen. Als Zwischenschritt wollen wir in den nächsten fünf Jahren die Abbrecherquote halbieren.
Das Abitur ist hierzulande der höchstmögliche Schulabschluss. Es ermöglicht grundsätzlich nicht nur die freie Wahl eines Studiums, sondern ist auch immer häufiger Voraussetzung dafür, eine Lehrstelle zu erhalten. In Berlin erwerben erfreulicherweise fast 40 Prozent eines Altersjahrgangs die allgemeine Hochschulreife und damit die Möglichkeit ein Hochschulstudium aufzunehmen. Damit ist Berlin auch bundesweit einsame Spitze. Dennoch reichen die vor allem in Berlin unternommenen Anstrengungen noch nicht aus. Die OECD (Education at a glance, 2008) attestiert Deutschland einen drohenden Fachkräftemangel, bedingt durch zu niedrige Studierenden- und Studienabschlussquoten. Hierzulande nahmen an den Universitäten und Fachhochschulen im Jahr 2006 nur 35 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium auf. Der Durchschnitt aller OECD-Staaten liegt demgegenüber bei 56 Prozent. In Finnland, Norwegen, Schweden und Polen sind es sogar über 70 Prozent eines Jahrganges. Einen Hochschulabschluss erreichen in Deutschland im Jahr 2006 nur 21 Prozent eines Altersjahrgangs. Damit liegt Deutschland im OECD-Vergleich an der drittletzten Position – vor Slowenien und der Türkei. Insbesondere vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung ist es von Nöten, nicht nur die Studienabschlussquote zu erhöhen, sondern insgesamt deutlich mehr jungen Menschen ein erfolgreiches Studium zu ermöglichen.
Wir wollen schrittweise innerhalb der nächsten 10 Jahre die Abiturquote in Berlin auf zwei Drittel eines Altersjahrganges erhöhen und damit mehr Schülerinnen und Schüler ermöglichen ein Studium aufzunehmen.
Internationale wissenschaftliche Leistungsvergleichsstudien belegen, dass der Bildungserfolg in Deutschland stark von der sozialen und ökonomischen Herkunft der Kinder abhängig ist. In Berlin hat ein Kind aus einem eher bildungsfernen Haushalt – bei gleicher Intelligenz – eine drei Mal geringere Chance eine Hochschulzugangsberechtigung zu erwerben, als ein Kind aus einem Akademikerhaushalt. Im bundesweiten Vergleich liegt das Verhältnis im Durchschnitt bei 1 zu 4. Berlin schneidet also auch hier unter den Bundesländern am besten ab. Dennoch: Rot-rote Bildungspolitik hat es sich zur Kernaufgabe gemacht, für mehr Chancengleichheit im Bildungswesen zu sorgen. Das bedeutet für uns, die Abhängigkeit des Bildungserfolges vom Elternhaus deutlich zu reduzieren. Besondere Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang gerade auch die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Sie sind häufig durch Sprachdefizite und eine sozial schwierigere Familienlage doppelt benachteiligt. Zudem verstärkt das bestehende Schulsystem die sozialräumliche Segregation (Klemm, 2008).
Wir wollen diesen Prozessen entgegenwirken und die sozialen Disparitäten in der Berliner Schule abbauen. In 10 Jahren wollen wir die Abiturchancen von Kindern aus bildungsfernen Haushalten in Berlin zunächst verdoppeln.
Um diese Ziele zu erreichen, brauchen wir eine Schule, die alle Schüler/innen zu besseren Leistungen und besseren Abschlüssen bringt. Eine gute Schule zeichnet sich dadurch aus, dass sie bei jedem einzelnen Schüler und jeder einzelne Schülerin den größtmöglichen Lernzuwachs erzielt.
Wenn wir diese »Berliner Bildungsziele« erreichen wollen, brauchen wir deshalb einen Paradigmenwechsel in der Schule. Wir brauchen eine Schule, die mehr Qualität erreicht, indem sie
Wir brauchen eine Schule, die alle fördert und keinen zurücklässt. Bildungspolitik muss für diese Weiterentwicklung der Berliner Schulen die entsprechenden strukturellen, personellen und sachlichen Rahmenbedingungen schaffen. Die Senkung der Schulabbrecherquote, eine höhere Abiturquote und der Abbau von Chancenungleichheit werden derzeit durch das Prinzip der Auslese im Bildungssystem verhindert. Deshalb ist die Abkehr von der Auslese der zentrale Dreh- und Angelpunkt, um die »Berliner Bildungsziele« zu erreichen. Schülerinnen und Schüler, gleich welcher Herkunft, muss die Möglichkeit gegeben werden, ihre Potentiale zu entwickeln, Leistung zu zeigen und über sich hinaus zu wachsen. Wir wollen ihre Entwicklungsperspektiven nicht von vorn herein beschränken.
Um die Bildungsziele zu erreichen, brauchen wir eine »Schule für alle«. In einem zweigliedrigen Schulsystem wird das Prinzip der Auslese nicht aufgehoben. Das zeigen uns die Beispiele aus den neuen Bundesländern und das zeigt uns auch der viel zu oberflächlich bejubelte Hamburger Kompromiss. Dort sind die Gymnasien durch die verpflichtende Bildungsgangempfehlung und großzügige Schulsprengel noch immer »gleicher« als die Stadtteilschulen – die soziale Spaltung wird gerade nicht aufgehoben. Wir wollen keine weiteren Restschulen schaffen, sondern einen Prozess befördern, der zu mehr Chancengleichheit und individueller Förderung führt. Dieser grundlegende Wandel der Berliner Schullandschaft wird nur gelingen, wenn wir schrittweise sowohl die Gliederung des Schulsystems überwinden als auch den inneren Paradigmenwechsel an den Schulen voranbringen. Wir schlagen folgendes Paket von Maßnahmen als nächste Schritte zum Erreichen der »Berliner Bildungsziele« vor:
Die Hauptschule ist der Teil des gegliederten Schulsystems, der am offensichtlichsten gescheitert ist. Trotz hohen Engagements und innovativer Pädagogik schlägt die Stigmatisierung so stark durch, dass eine schnelle Reaktion erforderlich ist. Deshalb sollen – eingebettet in einen Prozess der Veränderung im gesamten Schulsystem und als erster Schritt bei der Überwindung der Gliederung – die Hauptschulen keine Schülerinnen und Schüler mehr aufnehmen und damit auslaufen. Gleichzeitig muss es uns gelingen, die wertvollen Erfahrungen der Hauptschulen und ihre Ausstattungsmittel für die individuelle Förderung in den Gymnasien und Realschulen wie auch in den Gesamtschulen und Gemeinschaftsschulen nutzbar zu machen.
Um die Berliner Bildungsziele zu erreichen, müssen wir Auslesemechanismen im gesamten Schulwesen zurückdrängen. Nur dann ist der Paradigmenwechsel von einer Abschiebepädagogik hin zu individuellem Lernen möglich. Deshalb wollen wir:
Wir brauchen eine Fortbildungsoffensive zum Umgang mit Heterogenität an Schulen. Dafür bedarf es der Schaffung spezifischer Angebote für die Lehrerinnen und Lehrer. In diesem Zusammenhang wollen wir die Fortbildungserfahrungen aus der Pilotphase Gemeinschaftsschule nutzen. Nur so können wir den eingeforderten pädagogischen Paradigmenwechsel überhaupt ermöglichen.
Wenn wir wollen, dass alle Kinder gleiche Bildungschancen haben, müssen wir die Schulen in die Lage versetzen, Kinder mit schlechteren Startchancen besser zu fördern. Deshalb müssen wir bei der Mittelausstattung den Anteil der Kinder aus sozial benachteiligten Familien stärker berücksichtigen.
Mit der »Pilotphase Gemeinschaftsschule« hat die Rot-Rote Koalition die Tür für eine sozial gerechte Bildungspolitik in Berlin aufgestoßen. Das grundsätzliche Interesse unter den Berliner Schulen, sich in integrativer Weise weiterzuentwickeln und so individuelles Lernen zu befördern, ist groß. Die jetzigen und noch kommenden Gemeinschaftsschulen können zeigen, wie längeres gemeinsames Lernen für alle erfolgreich sein kann. Sie und auch viele integrative freie Schulen stehen für den dringend erforderlichen pädagogischen Paradigmenwechsel. Die Erfahrungen der Pilotschulen können insgesamt wertvolle Impulse für die Berliner Schulentwicklung liefern. Deshalb wollen wir, dass sich möglichst viele Schulen an der Pilotphase beteiligen. Bei weiter anhaltendem großem Interesse unter den Schulen, sich an der Pilotphase zu beteiligen, soll eine Aufstockung der Finanzmittel geprüft werden. Die jetzt beginnenden Gemeinschaftsschulen sind Pilotschulen für ein inklusives, nicht auslesendes Schulsystem.
Elke Brosow, LAG Bildung, Die LINKE
Monika Buttgereit, Landesvorstand SPD
Katrin Möller, stellvertretende Landesvorsitzende Die LINKE
Mark Rackles, Geschäftsführender Landesvorstand, SPD
Sebastian Schlüsselburg, Landesvorstand, Die LINKE
Marc Schulte, stellvertretender Landesvorsitzender SPD
Felicitas Tesch, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion
Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher, Fraktion Die LINKE